10.11.2020 Heidi und der Sport


Ich bin als Bewegungsfreak geboren. Mein Körper braucht Bewegung. Auf dem Sofa fühlt er sich unwohl. Unsere Eltern waren von den Bergen begeistert. Der Vater gehörte zu den damaligen Extrembergsteigern. Auf Korsika erkundete er mit seinen Freunden in den 60er Jahren wichtige Erstbesteigungen und eröffnete neue, meist schwere Routen auf die Gipfel. Man sollte meinen, dies seien die besten Voraussetzungen für einen Bewegungsfreak. Im Elternhaus gab es zum Bergsport klare väterliche Regeln: Meine Kinder sind die wildesten, die mutigsten, die schnellsten, die stärksten, die risikofreudigsten und sowieso in allem die besten. Es war z.B. nicht wichtig schön Ski zu fahren, sondern schneller als alle. Angst beim Kletter war ein no go. Man sollte keine Angst haben, weil doch der Vater dabei war. Ich hatte Angst, weil er dabei war. Vaters Risikomanagement war mir auch schon mit 10 Jahren suspekt. Folgendes Video zeigt schön warum. 

 Musik: CC BY NC ND Ostapenkovich

Wie ein Sprungbrett ragt diese Granitplatte 300 Meter über dem Grund aus der Bergflanke. Mein Protest wurde ignoriert. Ich solle mich nicht so anstellen, es sei so einfach wie auf dem Gehweg. Das war gelogen! Mein Herz klopft heute noch vor Angst, wenn ich daran denke. Aus heutiger Sicht ist Vaters Risikomanagement grobfahrlässig und seine Ignoranz mir gegenüber übergriffig. Dabei wäre es mit der richtigen Motivation und mit einfühlsamen Verständnis ganz einfach gewesen aus mir eine begeisterte Kletterin zu machen. Aber als kleines Mädchen musste ich in Sachen Sport eine Lösung finden. Ich übernahm die Angsthasenrolle. Dies brachte mir zwar wenig familiäre Anerkennung und blockierte die Entwicklung eines soliden Selbstvertrauens, aber ich war vor übergriffigen Erwartungen sicherer als meine Geschwister und verschaffte mir eine gewisse Autonomie. Mit 14 Jahren verweigerte ich Kletterausflüge und meldete mich bei verschiedenen Sportvereinen ab. 


Jetzt war ich frei und konnte Sport treiben so wie mir das gefiel. Der Bewegungsfreak in mir schickte mich ein bisschen wandern, radeln, schwimmen und Ski fahren. Als meine Tochter Fahrradfahren lernte rannte ich neben ihr her um Unfälle zu verhindern. Unsere Ausflüge waren der Beginn einer großen Liebe für den Laufsport. Bald wurden die Runden größer und häufiger. Als Maria keine Lust mehr hatte mich zu begleiten lief ich alleine durch den Wald. Ich lernte andere Läufer kennen und einen lustigen Lauftreff, die Karlsruher Plattfüß. Bald spürte ich: Mein Wettkampf-Gen ist entweder nicht vorhanden, oder sehr unterentwickelt, jedenfalls interessierte ich mich nicht für ambitionierte Trainingspläne und prächtige Zielzeiten, sondern lediglich für die Freude am Tun. Beim Laufen an der frischen Luft liebe ich die simple rhythmische Bewegung. Das ist alles! 


Wenn man tut was man liebt, ist man hoch motiviert. Bald schnürte ich die Schuhe für längere Runden. Eine Freundin wollte am Karlsruher Marathon teilnehmen und suchte eine Begleitung. Ich sagte ihr zu aber sie musste mir folgendes versprechen: ganz hinten starten, langsam laufen, niemals auf die Uhr schauen und wer keine Lust mehr hat steigt aus. Das Projekt gelang. Wir waren glücklich. Aber Stadtmarathons mag ich nicht. Mein Bewegungsfreak schickte mich in den Wald und in die Hügel, dann auf die Pfade und dann in die Alpen. Zur simplen rhythmischen Bewegung kam nun ein prickelndes, koordinatives Spiel. Ich war restlos begeistert und meldete mich beim Zermattmarathon an. Auch dieses Projekt gelang. Aber mit Tausenden am Start stehen mag ich nicht. Mein Bewegungsfreak suchte kleine Veranstaltungen und wurde in der Skyrunning Szene fündig. Meine Lieblingsstrecke in diesem Laufkalender ist der Trofeo Kima. Die längste Strecke, die ich jemals gelaufen bin, war der Südtirol Ultra Skyrace. Wer kein Wettkampf-Gen besitzt läuft solche Strecken eigentlich am liebsten alleine. Für die eigene Sicherheit ist man nämlich mit und ohne Startnummer selbst verantwortlich. Aber ich dachte mir: bei einem Unfall mit Startnummer funktioniert bestimmt die Rettung besser, weil die Bergwacht bereits an der Strecke steht.


„Du läufst ja nur so viel herum, weil du keinen festen Lebenspartner hast“ behauptete ein befreundeter Läufer. Die Mutter meinte: „du musst uns nichts beweisen.“ Andere diagnostizierten Sportsucht oder waren der festen Überzeugung ich würde vor etwas davon laufen. Für viele Frauen war ich verrückt und für manche Männer irgendwie anziehend und abstoßend zugleich. Eine Kollegin meinte ich würde meine Arbeitskraft schwächen und der Vater meines Sohnes hatte Sorge sein Unterhalt könnte mein Vergnügen finanzieren. Mein Bewegungsfreak ließ alles umkommentiert und schickte mich mit lieben, gleichgesinnten Menschen in die Berge. 


2007 lernte ich beim Hornisgrindemarathon Reinhold kennen und lieben und das Leben war schön. Weniger Sport machte ich dadurch jedoch nich. Denn Reinhold hatte eine Startnummer für den Ostseeman. Das ist eine Triathlon Langdistanz (3,8 km Schwimmen, 180 km Radeln, 42 km Laufen). Ein Rennrad musste her und ein Kollege, ein Ex-Bundesligaschwimmer, brachte mir das Kraulen bei. Auch dieses Projekt gelang. Mein Bewegungsfreak bekam einen Namen. Ich taufte ihn Pepe. Reinhold und ich waren überglücklich. 6 Mal reisten wir gemeinsam an die Ostsee. Wegen uns hätte das Leben noch lange so weiter gehen können, aber wie schon erzählt starb Reinhold im Dezember 2016 an seinem Tumor. Ich bekam während dieser Zeit überall Gelenkschmerzen. Besonders am rechten Knie. Die Orthopäden überredeten mich für zwei Arthroskopien. Ein Jahr nach Reinholds Tod hörte ich folgenden Rat: „hängen sie die Laufschuhe an den Nagel, kaufen sie sich ein E-Bike und fahren sie maximal 50 km in flachem Gelände.“ Das war krass! Die zweite Säule meines Lebens zerbrach, die Motivation auch. 


Irgendwie schaffte es Pepe mich ein wenig mit Skifahren, Radeln, Schwimmen und Wandern in Bewegung zu halten. Die Freude, die ich früher hatte, wollte sich jedoch wegen dem klapprigen Knie und den anderen Gelenkschmerzen nicht mehr einstellen. Das empfohlene Fitnessstudio und das E-Bike boykottierte ich. Später erklärte meine Frauenärztin die vorhandenen Schmerzen so: „vermutlich schüttet ihr Körper stressbedingt zu viel Cortisol aus, darum schmerzen manche Gelenke. Die Operationen waren bestimmt überflüssig. Bewegung hilft beim Abbau von Cortisol.“ Na Bingo, das will man nach einem Eingriff unbedingt hören. Aber immerhin war es eine plausible Erklärung. Ich begann wieder vorsichtig mit dem Joggen und machte lange Wanderungen. Meine Seele tankte auf und Pepe, der Bewegungsfreak in mir, auch. 


Und dieses Jahr passierte etwas völlig überraschendes. Josef ist „schuld“ daran. Josef klettert gerne. Er ist der festen Überzeugung ich sei dazu auch in der Lage. Diesen Sommer machten wir zum üben einige leichte Klettersteige. Dann hatte Josef die Idee zum Üben mit Walter Obergolser, meinem Lieblingsbergführer, in Arco ein Kletterwochenende zu buchen. Die Corona-Pandemie hatte nichts dagegen - unser Ausflug war safe - unser Ausflug war ein voller Erfolg - unser Ausflug hat meine unpassende Angsthasenrolle zerbröselt. Ich bin ein Mensch mit einem gesunden Risikobewusstsein und Angst rettet bisweilen Leben. Möglicherweise werde ich keinen Skymarathon mehr laufen und ich werde auch keine extreme Kletterin, aber ich konnte alte Fesseln lösen und die Motivation kam leise zurück. Das fühlt sich sehr schön an. Folgend einige Bilder von meinem Sommer mit Josef.

Vielleicht stellt ihr euch, wie ich, die Frage: hat sie Angesichts einer weltweiten Pandemie keine anderen Sorgen? Gegenfrage: Ist es nicht wunderbar, dass trotz Corona auch etwas erfreuliches geschieht?