Ich habe eine Fußballallergie! Was macht eine sportbegeisterte Frau, wenn sie von dieser seltenen Krankheit betroffen ist? Da gibt es nur eine Medizin: sie fragt ein paar Freunde, ob vielleicht jemand Lust hat, mit dem Rennrad nach Bad Herrenalb zu radeln, dort die Joggingschuhe anzuziehen, hinauf zur Teufelsmühle zu laufen, hinunter nach Lautenbach, an den Lautenbachfelsen vorbei in einem Bogen über die Langmahdskopfhütte zurück zur Teufelsmühle, hinunter nach Herrenalb und mit dem Rad zurück nach Karlsruhe.


Ich bin wohl die einzige betroffene Fußballallergikerin, denn es geht niemand mit. So sitze ich Samstag um 14:30 eben allein auf das Rad. Zuerst habe ich noch Begleitung von anderen Radlern die ihre Räder und sich selbst mit den für Deutschland typischen Farben geschmückt haben. Von Busenbach bis Marxzell konkurriere ich auf der Straße mit eiligen Autofahrern und hoffe inständig, dass mir keines der Fähnchen zwischen die Speichen gerät, sollte sich eines lösen. Nach Marxzell wird es ruhiger auf der Straße dafür zündet Petrus links von mir, in einer bedrohlich schwarzen Wolke, schon mal ein Feuerwerk. Ganz drauf hat es der Gute fußballtechnisch wohl auch nicht, er ist ja viel zu früh dran.


Kurz vor 16 Uhr erreiche ich in Herrenalb das Thermalbad und entscheide mich dort für eine Tasse Kaffe, um das Wetter zu checken. „Ich glaube es kommt nichts mehr herunter, das Gewitter ist nach Ittersbach oder Pforzheim abgezogen“ meint die nette Dame ortskundig während sie mir die Tasse reicht. Im Vorraum des Bades bevölkern Badegäste die Sitzplätze vor so einem riesigen Flachbildschirm, der so groß ist, dass ich einmal diagonal darüber passen würde. Okay so groß muss er dafür nicht sein, denn ich bin ja nur 154 hoch. Während ich meine Tasse nach draußen trage, wird in Afrika die Deutsche Nationalhymne gespielt.


Ich beobachte die Wolken und entscheide mich dafür meine Tour fortzusetzen. Es klart tatsächlich etwas auf. Während ich meine Tasse zurückbringe fällt das erste Tor. Der Vorraum jubelt. Ich fülle meine Trinkflasche nach, verstaue ein paar Sachen im Rucksack, schließe Helm und Radschuhe mit einem langen Schloss am Rad fest und durchquere Herrenalb. In jeder Kneipe sitzen die Leute zusammen wie früher als noch nicht jeder eine Glotze hatte. Irgendwie schön diese kollektive Geselligkeit. Wenn da nicht meine Fußballallergie wäre, könnte ich fast dabei sein.


So aber bringt mich ein steiler Weg an den Teufelslöchern vorbei hinauf zur Teufelsmühle. Als ich dort ankomme schallt mir wieder Jubel entgegen. Die Hütte beim Turm ist dieses Wochenende bewohnt. Ich gehe hinein und frage, ob wir schon Weltmeister sind. „Noch nicht ganz, aber es steht 2:0 und es ist schon die 70ste Spielminute“ kommt die Antwort von einem netten Menschen im Trikot mit Deutschlandschal um den Hals und Bierflasche in der Hand. Die Kinder sind vor der Hütte ohrenbetäubend mit ihren Vuvuzelas beschäftigt.


Mich führt es steil hinunter nach Lautenbach. Als ich dort ankomme muss das Spiel zu Ende sein. Lautenbach feuerwerkt, hupt, vuvuzelat und jubelt. Und weiter draußen in Richtung Rheinebene ist kurzzeitig ein Spektakel wie sonst an Silvester. Deutschland ist glücklich. Fast ergreift mich ein sentimentales Sympathie-Gefühl. Dieses „kollektive Wir“ verbreitet so etwas geborgenes, sicheres, stärkendes und fröhlich ausgelassenes. Da fallen mir die neuesten Ideen unserer politischen Vordenker wieder ein, die trotz, oder soll man sagen wegen der wunderbaren Zuckerbrotphase die Krankenkassenbeitragserhöhungspeitsche ausgepackt haben. Meine zarte Begeisterung für die WM ist sofort wieder abgekühlt.


Damit das selbe mit meinem Körper passiert mache ich in Lautenbach einen kleinen Umweg zum Stausee, den ich noch von früher kenne. Hier habe ich manche glückliche Kindersommerstunde mit meinen Geschwistern und Freunden verbracht, während unsere Eltern in den Lautenfelsen oberhalb des Sees zum Klettern waren. Heute sind die Felsen Naturschutzgebiet, man darf dort nicht mehr klettern. Aber im See baden geht noch. Schnell sind die paar Klamotten ausgezogen, macht ja nix, denn Deutschland feiert und es kommt jetzt bestimmt keiner hier vorbei. Bei 16°C Wassertemperatur kühlt auch mein Körper schnell wieder auf eine vernünftige Betriebstemperatur.


Steil geht es von hier rechts der Felsen hinauf. Oben am Lautenfelsen-Aussichtspunkt angekommen ist es 18:25 Uhr, die beste Zeit um meinen 16jährigen mit einem Kontrollanruf zu beglücken. Vom Tanzkurs müsste er jetzt zurück sein und für das Chillen mit Freunden noch nicht weg. Hat der etwa auch eine Fußballallergie? „Sind wir schon Weltmeister?“ frage ich scheinheilig, denn es ist wichtig in solchen Situationen einleitend ein unverfängliches Thema zu haben. Nicht das mich das Ergebnis wirklich interessiert aber ich erhalte eine erstaunliche Antwort: „4:0“ Da haben die doch auf meinem Weg hinunter nach Lautenbach noch Mal zwei Tore geschossen!


Dann kommt der mütterliche Rest: „Im Kühlschrank ist das Essen, das ich vorbereitet habe, du kannst es dir aufwärmen“ „Ja, vielleicht“ knarzt mich seine junge Männerstimme genervt an. „Was machst du heute noch?“ „Jonas kommt“ verkündet er reduziert informativ. „Und, geht ihr noch weg?“ „Ja“. „Na dann viel Spaß“ wünsche ich ihm ungerührt fröhlich „Danke“ kommt brav die Antwort und ich höre  Erleichterung in seiner Stimme, weil nun das Gespräch zu Ende ist. Tija, da müssen wir wohl beide durch, das sind uralte Gesetze. Manche behaupten, dass diese Phase vorüber geht, bei mir ist das momentan nur eine vage Hoffnung.


Deutschland jedenfalls kommt jetzt ins nächste Finale, keine Ahnung welches, das muss Frau mit Fußballallergie nicht wissen. Das geböllere in der Rheinebene hat sich mittlerweile beruhig, die Wolken auch und die Sonne legt die Landschaft in ein wunderbares Licht. Ruhig ist es hier oben und ich genieße jeden Schritt. Einmal flüchtet ein Reh vor mir in den Wald, ein Bussard segelt vorbei hinaus ins Murgtal und über den Nordschwarzwald, den man von hier oben bis zur Hornisgrinde überblicken kann. Und während unten im Rheintal die Promillekorsos ihre ausgelassenen Runden ziehen nehme ich den Pfad über den Langmahdskopf zurück zur Teufelsmühle.


Aufpassen heißt es jetzt zwischen kleinen Moorlöchern, Wurzeln und Steinen. Das Laufen auf diesen steinigen Pfaden macht mir besonders viel Spaß, denn zu dem rhythmisch monotonen „rechter Fuß vor linker Fuß und linker Fuß vor rechte Fuß“ gesellt sich ein schönes koordinatives Spiel, bei dem du deine ganze Aufmerksamkeit brauchst, wenn es nicht schief gehen soll.


Zurück in Herrenalb, 20:15, sind auch die Autokorsos wieder in der Garage, denn alles bereitet sich auf das zweite Spiel vor. Von Fußballfans unbehelligt rolle ich zurück nach Karlsruhe nehme gleich ein paar Flaschen umdrehungsfreies Weizenbier aus dem Keller mit hinauf in unsere gut aufgewärmte Dachwohnung. In der Küche stehen schmutzige Töpfe und Pfannen und im Gang liegt ein Zettel: Bin am Baggersee. Na geht doch, in rudimentären Ansätzen sind meine Erziehungsmaßnahmen erkennbar.


Noch in der Wanne trinke ich mein erstes Bier. 22:00 Uhr mein lieber Schatz kommt von einem langen anstrengenden Arbeitstag zurück. Da ich durch mein 7 stündiges Sportprogramm ausreichend mit Medizin gegen Fußballallergie versorgt bin, sehen wir uns gemeinsam die letzte halbe Stunde von einem Spiel an, von dem ich nicht weiß wer gegen wen spielt. Und ich beobachte wie 44 millionenschwere Beine immerzu auf eine Lederkugel treten, die ganz bestimmt nichts dafür kann. Warum sich die Jungs allerdings gegenseitig schupsen, treten und stoßen kann ich einfach nicht verstehen auch nicht, wenn mir das in Zeitlupe noch einmal gezeigt wird und ich glaube auch nicht, dass es so in den Spielregeln steht.


Reinhold würdigt die Szenen natürlich mit viel mehr Fachverstand. Es fallen auch zwei Tore, möglicher weise für ein und die selbe Mannschaft, das Spiel könnte also 2:0 für irgendwen ausgegangen sein. Und ganz am Ende kommt dann doch noch das, worauf sogar Frau mit Fußballallergie wartet: die Jungs ziehen ihre Trikots aus und zeigen die gut trainierten Oberkörper mit Waschbrettbauch. Leider gibt es hier selten eine Wiederholung in Zeitlupe. Schade eigentlich.

Mein WM Samstag 2010 - laufend gewinnen